Zwischen 120 gelöschten Seiten, Ferienchaos und Berlinpanik
- Angela Ostermann

- vor 19 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Manchmal frage ich mich wirklich, ob Menschen glauben, Bücher entstehen in ruhigen Altbauwohnungen bei Kerzenschein und sanfter Pianomusik.
Irgendwo sitzt dann angeblich ein entspannter Autor mit Kaffee am Fenster und schreibt völlig konzentriert ein Meisterwerk nach dem anderen.
Und dann gibt es mich.
Ich sitze nachts am Laptop, lösche 120 Seiten aus purem Frust, diskutiere emotional mit meinem Drucker und versuche gleichzeitig herauszufinden, ob signierte Bücher auf einem Autorensalon cool oder einfach unangenehm sind.
Das ist momentan mein Leben.
Und ehrlich? Ich glaube, genau SO sieht kreatives Arbeiten in echt viel öfter aus.
Vor kurzem habe ich über 120 Seiten gelöscht. Einfach weg. Nicht wegen eines technischen Fehlers. Nicht aus Versehen. Sondern weil ich irgendwann davor saß und gemerkt habe: Das funktioniert nicht.
Das tut übrigens richtig weh.
Nicht mal unbedingt, weil die Seiten schlecht waren. Das wäre einfacher gewesen. Aber sie waren einfach falsch. Die Geschichte hat sich irgendwann so angefühlt, als würde ich sie nur noch hinter mir herschleifen.
Und trotzdem löscht man sowas nicht einfach entspannt.
Ich zumindest nicht.
Ich diskutiere erstmal tagelang innerlich mit mir selbst wie auf einem Flohmarkt.
„Aber die Szene war doch gut.“ „Ja, Angi. Trotzdem.“ „Aber der Dialog!“ „JA, ANGELA.“
Das Problem ist ja: Hinter solchen Seiten steckt nicht nur Text. Da steckt Zeit drin. Nächte. Musik. Stimmung. Dieses komplette Autorenchaos, wenn Figuren plötzlich anfangen, dauerhaft mit im Kopf herumzulaufen.
Und dann sitzt du irgendwann da und merkst:Ich halte das hier nur noch fest, WEIL es so viele Seiten sind.
Nicht, weil sie der Geschichte gut tun.
Also hab ich gelöscht. Mit Kaffee. Mit Drama. Und mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der gerade emotional seine eigene Wohnung abreißt.
Das Verrückte daran?Danach wurde plötzlich alles leichter.
Die Geschichte konnte wieder atmen. Die Figuren fühlten sich wieder echt an und ich hab erst da gemerkt, wie festgefahren das Ganze schon war.
Währenddessen läuft natürlich parallel das normale Leben komplett weiter.
Die Ferien sind da. Die Kinder zuhause. Dauergeräuschkulisse. Dauerbewegung. Dauer irgendwas.
Irgendwer braucht Essen. Irgendwer streitet. Irgendwer ruft „Mamaaa!“ aus dem Nichts. Und mein Gehirn versucht, irgendwo zwischen Toastbrot, Wäsche und Familienalltag noch eine emotionale Buchszene festzuhalten.
Das funktioniert ungefähr so gut, wie man es sich vorstellt.
Vor allem mit ADHS.
Oder wie ich es nenne: „Mein Gehirn hat heute 14 offene Tabs und keiner lädt richtig.“
Ich setze mich hin und denke: „So. Jetzt schreibe ich.“
Fünf Minuten später google ich plötzlich Druckpapier, höre Musik für irgendeine Szene, denke über ein komplett neues Projekt nach und habe vergessen, warum ich überhaupt den Laptop geöffnet habe.
Das ist besonders schön, wenn man mitten in einer emotionalen Szene war und später zurückkommt und denkt: „Warum weint hier eigentlich jemand?“
Mein Gehirn: „Keine Ahnung. Aber viel Erfolg.“
Und trotzdem sitzt dieser Wunsch, weiterzuschreiben, die ganze Zeit irgendwo im Kopf. Auch wenn das Leben gerade komplett dagegenarbeitet. Wenn der Kopf laut ist, wenn man eigentlich völlig erschöpft ist.
Ich glaube, viele Menschen reden viel zu wenig darüber, wie Schreiben in echt aussieht.
Nicht dieses Instagram-Schreiben. Nicht dieses ästhetische „Ich schreibe jeden Morgen drei Stunden diszipliniert.“
Sondern echtes Schreiben.
Zwischen Müdigkeit. Zwischen psychischer Belastung. Zwischen Familienalltag. Zwischen Gedankenchaos und Selbstzweifeln.
Und als würde das alles nicht reichen, fahre ich in zwei Wochen auch noch nach Berlin zu einem Autorensalon.
Die Panik steigt übrigens täglich.
Am Anfang war das alles noch total cool.„Ohhh Berlin.“„Ohhh, Autorensalon.“
Mittlerweile sitze ich nachts wach und denke ernsthaft über Papierstärken nach.
Das stand früher wirklich nicht auf meiner Lebens-Bingokarte.
Mein Drucker druckt inzwischen einfach Farben nach Gefühl. Ich bearbeite Bilder heller und der Drucker antwortet nur: „NeinSchattenreich.“
Meine Merch-Sachen sind irgendwo im Paketnirwana verschollen und ich verbringe erschreckend viel Zeit damit, emotional mit Sendungsverfolgungen zu diskutieren.
„In Zustellung.“ Ja, danke. Ich psychisch übrigens auch.
Und dann diese völlig absurde Frage: Soll ich meine Bücher vorher signieren oder nicht?
Einerseits denke ich: „Ohhh, signierte Bücher sind cool.“
Andererseits denke ich: „Was, wenn niemand signierte Bücher möchte und ich da sitze wie ein völlig übermotivierter Fantasykobold?“
Das ist momentan mein inneres Niveau.
Und trotzdem steckt zwischen all diesem Chaos immer wieder dieser kleine Moment, in dem ich denke: „Krass … Ich fahre wirklich mit meinen Büchern nach Berlin.“
Denn egal, wie chaotisch der Weg hierher aussieht… da stehen mittlerweile tatsächlich Bücher. Meine Bücher. Und manchmal vergisst man zwischen Stress, Alltag und Selbstzweifeln komplett, dass das eigentlich ziemlich verrückt ist.
Vielleicht sieht kreatives Arbeiten genau deshalb von außen oft glamouröser aus, als es sich innen anfühlt.
Innen sitzen wahrscheinlich die meisten kreativen Menschen einfach zwischen Kaffee, Technikproblemen, offenen Tabs und leichter Überforderung und hoffen, dass am Ende trotzdem irgendetwas Gutes entsteht.
Ich jedenfalls definitiv. 😄



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